Schulterschmerzen, Operation überflüssig?

In Deutschland wird viel zu häufig operiert. Wir sind in Europa absoluter Spitzenreiter. Die Kosten sind bald nicht mehr zu bezahlen. Auf das Leid der Patienten wird kaum noch Rücksicht genommen. Die gestellten Diagnosen muss man anzweifeln, nur interessiert es niemanden!

Sind wir in Deutschland deswegen gesünder? Gibt es Alternativen? Ist ein Sehnenriss wirklich ein Riss?

Häufige Diagnose: Sehnenriss

Es ist ja völlig klar: Ein Sehnenriss muss operiert werden! Ein WIRKLICHER Sehnenriss! Und natürlich: wenn der Orthopäde diese Diagnose stellt, ist für jeden Patienten klar, helfen wird mir nur eine Operation. Für die Krankenkassen, die das bezahlen sollen, ist es auch völlig klar. Da gibt es keine Diskussion.

Leider stimmt die Diagnose nicht sehr häufig! Ich habe es in den letzten 15 Jahren äußerst selten erlebt (wenn ich das Glück hatte, Patienten VOR der Operation zu untersuchen), dass eine richtige Ruptur (Riss) der Sehne vorlag.

Jeder, der eine medizinische Ausbildung genoss, hat gelernt: Eine Ruptur ist ein Vollständiger Riss, während bei einer Teilruptur, noch Sehnenanteile intakt sind. Ich habe bei den Untersuchungen bisher meistens festgestellt, dass die Funktion zwar schmerzhaft, aber noch ausführbar war. Bei einem Riss wäre dies nicht mehr gegeben. Selbst als ich die MRT-Aufnahmen betrachtete, sah ich zwar Entzündungen und eine Verminderung der Sehnenfasern, aber keine vollständig Ruptur!

Das seltsamste war, nachdem das Gelenk behandelt wurde, war die Funktion häufig noch besser und die Schmerzen deutlich geringer. Das wäre doch bei einer vollständigen Ruptur nicht möglich. Es waren fast immer nur Teilrupturen (Teilrisse). Und Mediziner wissen normalerweise, dass Teilrisse wieder zusammenheilen können. Es muss nur die Ursache dieser Teilrisse gelöst werden. Wie bei Muskelfaserrissen können auch Sehnenfasern regenerieren. Diese beiden Strukturen sind ähnlich aufgebaut, nur dass die Anteile von kontraktilen (zusammenziehenden) und kollagenen (bindegewebigen) Fasern unterschiedlich sind. Wer es genau wissen will, schreibt es in den Kommentaren 😉

Ursache von Teilrissen, Schmerzen

Traumen

Schulterschmerzen können natürlich nach Unfällen entstehen oder nach Stürzen. Und natürlich müssen Brüche ärztlich behandelt werden und natürlich kann es da zu WIRKLICHEN  Rupturen kommen. Diese sollten durchaus auch operiert werden – logisch.

Haltungsfehler

Aber in den wenigsten Fällen waren dies die Ursachen der Schmerzen. Bei fast allen Patienten lag ein Haltungsfehler vor: die Sehne hatte nicht mehr genug Platz sauber zu gleiten, wodurch im Laufe von Monaten eine Reizung/ Entzündung entstand und sich die Sehnendicke verringerte.

Verkalkung

Der Körper wird dann, um sich vor einer Dauerreizung zu schützen, das Schultergelenk verändern, es entsteht eine Verknöcherung (Verkalkung). Löst man dann das Problem nicht, kann es sein, dass die Sehne dann irgendwann WIRKLICH reißt. EINE VERKALKUNG HAT NICHTS MIT DEM ALTER ZU TUN!

Aber was passiert, wenn man das Haltungsproblem löst? Und das ist sehr häufig möglich: die Durchblutung verbessert sich, die Verkalkung kann sich auflösen. (Waaas, echt? Das geht? JA, das geht – ich hatte dies durch röntgen beobachten können.) Die Sehne kann wieder besser gleiten, die Entzündung wird geringer, der Schmerz besser.

Natürlich kann das auch mal dauern, aber selten so lange, wie eine Rehamaßnahme nach einer Operation. Auch ist der Arm wieder viel früher belastbar. Die Kosten deutlich geringer.

Und natürlich sollten bestimmte Übungen gemacht werden. Es gibt auch Nahrungsmittel, die die Heilung beschleunigen können.

Leider habe ich zu selten Vergleiche mit Röntgenbildern, denn erstens ist die Belastung auf Dauer zu hoch und zweitens bekomme ich diese selten zu sehen (Die operierenden Orthopäden mögen mich wohl nicht mehr – zu häufig konnten OP-Termine abgesagt werden) 🙂

Wirbelsäulenblockaden

Ab und zu stellte ich Blockaden der oberen Wirbelsäule und Rippen fest. Daraus folgte eine veränderte Biomechanik über das Fasziensystem, verschlechterte Ansteuerung der Muskulatur und ein einklemmen von Nerven. Das Schultergelenk hat sich nicht mehr natürlich bewegt.

Dies ist manchmal so fein und gering, dass es erst mal kaum auffällt. Vielleicht etwas „ziehen“ in den Entstellungen oder extrem starker Belastung. Mit der Zeit aber kann es immer schlimmer werden.

Organstörungen

Manche Organstörungen können sich durch das Nervensystem bis hin zur Schulter ausstrahlen. Dies wird sogar normalerweise an den Universitäten gelehrt. Eine Untersuchung der Organe, auch manchmal über ein Labor hat gezeigt, dass die Ursache von Schulterschmerzen nicht selten an bestimmten Organen zu finden sind.

Daher ist es sehr wichtig, diese Organe zu regulieren, um die Schulterschmerzen zu verringern.

Psychosomatisch

Ich hatte Patienten die Schulterschmerzen hatten, weil eine „Last“ auf Ihren Schultern lag. Die Schmerzen durch einen psychischen Stress entwickelt hatten (Teile des Gehirns sind eingebunden bei Bewegung UND bei Emotionen – eMOTION). Hatten die Patienten Lösungen entwickelt, um mit dieser Belastung umzugehen, wurden die Schmerzen verringert.

persönliches Erlebnis

Als ich mich mit einer Physiotherapiepraxis vor 17 Jahren selbstständig gemacht hatte, dachte ich noch, wenn ich mal bei einer Operation zuschauen kann, könnte ich viel lernen. Irgendwie stimmte das auch: Ich lernte Diagnosen anzuzweifeln.

Also traf ich mich mit einem Orthopäden im Krankenhaus, um bei einer Schulteroperation dabei sein zu können. Die MRT-Aufnahmen hingen an der Wand. Der Orthopäde wollte mir erklären, dass hier eine Ruptur vorliegt. Ich betrachtete das Bild genau und habe gewagt zu sagen, dass ich hier nur eine Teilruptur sehe. Das zu sagen, war ein Fehler. Der Arzt wurde pampig und meinte (ich weiß das noch so genau, das vergesse ich nie): „Ja das stimmt, aber die reist sicher bald. Für ihn ist das eine Ruptur!

Peng, das saß. Was will man da noch sagen?! Der Doktor hat immer Recht, Kritik ist nicht erwünscht. Die Operation wurde für mich zur Nebensache. Dieses Erlebnis hat mich angestachelt. Also fing ich an, diese Diagnose erst mal grundsätzlich anzuzweifeln und die Patienten nochmals genauer zu untersuchen.

Und es macht mich jedes mal sehr wütend, wenn ich feststelle, dass in den meisten Fällen die Operationen überflüssig wären. Manchmal glauben mir die Patienten nicht und lassen sich trotzdem operieren, manche aber schenken mir das Vertrauen und wir konnten in vielen Fällen eine Operation verhindern.

Ich hatte aber auch positive Erlebnisse: ich lernte Orthopäden kennen, welche erstmal versuchen, das Problem konservativ zu lösen (ich höre zwar immer: „wir versuchen das mal ohne OP“ – wenn aber nichts geändert wird, bleibt ja nur die OP = ALIBIKONSERVATIV). Die engagierten Ärzte untersuchen das Gelenk noch so wie es sich gehört, und haben genug Kenntnisse, nach den Ursachen zu suchen und diese zu lösen. Sie brauchen selten ein Röntgenbild, belasten kaum das Budget der Krankenkassen. Warum findet dies keine Beachtung bei uns?

Nachteile einer Operation

Die Patienten sind lange krank geschrieben. Manche laufen sogar noch mit seltsamen „Nudelhölzern“ durch die Gegend (für 6 Wochen) – was die Regeneration noch verlängert. Danach Reha-Maßnahmen. Es dauert lange, bis die Schulter wieder voll belastbar ist. (Eigentlich dauert die natürliche Heilung der Sehne nicht so lange, eine Heilung mit Operation sehr lange).

Die Narbe verändert die Biomechanik, ein zunehmender Verschleiß im Laufe der Jahre ist die Folge. Nicht unbedingt an der Schulter, aber durch aus in den benachbarten Gebieten.

Jede Operation birgt Risiken, der Stoffwechsel wird extrem belastet, die Narkose muss durch die Leber abgebaut werden, das Immunsystem braucht sehr viel Energie zur Regeneration.

Bei einigen Patienten sind die Schmerzen nur zum Teil besser geworden. (Klar, die Ursache findet keine Beachtung).

Der Arbeitsausfall beträgt viele Wochen.

Die Kosten der Krankenkassen sind enorm.

Vorteile einer Operation

Nach RICHTIGEN Rupturen oder schweren Verletzungen, oder wenn in den seltenen Fällen eine konservative Behandlung keinen Erfolg bringt, ist die OP durch aus berechtigt und kann den Alltag wieder erträglich machen.

Die Lösung

Es wäre ja nicht schlecht, mal zu wissen, wo es herkommt. Warum sollte ohne Grund die Sehne zum Teil reißen? Das Alter – häufige Ausrede – ist nicht das Problem, sondern dass die Ursache jahrelang aktiv ist. Da nicht jeder Schulterschmerz gleich ist, nicht jedes „Schulter-Arm-Syndrom“ ein „Schulter-Arm-Syndrom“ ist, gibt es auch hier keine Standardtherapie. Ganzheitlich betrachtet und behandelt kann dabei unterstützen, die Beschwerden zu verbessern.

Aber es ist immer möglich, mit den entsprechenden Maßnahmen zur Selbsthilfe, durch Aktivierung der Selbstheilungskräfte, einen guten Zustand zu erreichen.

4 Kommentare zu „Schulterschmerzen, Operation überflüssig?“

  1. Danke für die medizinische Beratung online. Die Beschreibung der Operation klingen tatsächlich sehr abschreckend. Eine Schulteroperation hat meiner Mutter trotzdem langfristig geholfen, die Schmerzen zu umgehen. Die Ursache zu bestimmen ist das A und O und dann kann man erst eine Entscheidung treffen.

    1. Hallo,
      danke für Ihren Beitrag. Ich wollte nicht abschrecken, nur aufklären. Es ist wichtig, alle Seiten zu betrachten und dazu will ich meinen Beitrag leisten. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass viele Patienten nur die schulmedizinische Seite zu hören bekommen. Meine Sichtweise soll helfen, mehrere Möglichkeiten aufzuzeigen.
      Natürlich gibt es auch positive Erfahrungen nach einer Schulteroperation. Ich freue mich für Ihre Mutter, dass es ihr danach sehr gut geht und sie keine Schmerzen mehr hat.
      Ich sehe es wie Sie, die Ursache bestimmen und dann soll jeder für sich selber entscheiden, welche Methode, welche Behandlung am meisten zusagt.
      Viele Grüße
      Rüdiger Beckstein

  2. Tja, sowohl ein Sehnenriß, als auch die Probleme mit den Knochen brauchen eine ganzheitliche Untersuchung und keine Standarttheraphie! Dies ist der Fall bei meinem Freund, der oft Schmerzen in seinem Schultergelenk empfindet. „Keine Zeit“, sagt er aber oft dazu und bleibt dann über eine Woche lang in den Bewegungen begrenzt. Danke für die Tipps! Hoffentlich klingen die für ihn überzeugend!

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